Zwei ganz besonderen Tagesordnungspunkten war es wohl zu verdanken, dass fast 500 Mitglieder zur Jahreshauptversammlung der Alemannia am Montagabend erschienen und so für ein gut besuchtes Saaltheater Geulen sorgten. In den letzten Jahren mieden viele Fans die eher trockene Veranstaltung.

Doch in diesem Jahr regten die TOP 8 (Information zur geplanten Ausgliederung) und 9 (Information zum geplanten Stadionneubau) die Gemüter, waren doch die Informationen zu diesen Thema bisher nur tröpfchenweise geflossen.
Schatzmeister Carlo Soiron, der ebenso wie Vizepräsident Tim Hammer bei der nächsten JHV im Januar 2006 nicht mehr zur Wahl für eine weitere Amtsperiode zur Verfügung stehen wird, war es vorbehalten, die Versammlung über die geplanten Ausgliederung des wirtschaftlichen Geschäftsbetriebes in eine Tochtergesellschaft zu informieren. Zunächst führte der Alemannia Schatzmeister die vier für den Verein wesentlichen Argumente für eine Auslagerung der Profifußballabteilung (inklusive der 2. Mannschaft und Junioren bis U16) auf:
Ein Verein mit zehn bis zwanzig Millionen Umsatz könne nicht weiter von ehrenamtlich tätigen "Freizeitfunktionären" geführt werden, die dann auch noch persönlich haftbar gemacht werden könnten. Hauptamtliche Fachleute müssen die Gesellschaft als Vorstand leiten.
Bei einer eventuellen Insolvenz kann der Verein (e.V.) weiterbestehen.
Probleme der Gemeinnützigkeit entfallen, da es eine klare Trennung zwischen ideellem und wirtschaftlichem Zweck gibt.
Nach einem Urteil des OLG Dresden vom August dieses Jahres können auch "normale" Mitglieder im Falle eines Missbrauchs der Rechtsform für sämtliche Vereinsverbindlichkeiten haftbar gemacht werden. Unter bestimmten Voraussetzungen (OLG: die Vereinsmitglieder haben die Fehlentwicklungen zumindest in den Grundzügen gekannt und dennoch keine zumutbaren und möglichen Gegenmaßnahmen ergriffen) können also auch die Mitglieder eines gemeinnützigen e. V. persönlich für die Schulden des Vereins in Anspruch genommen werden. Dieses Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig, Auswirkungen auf Fußballvereine der Lizenzligen, die noch als e.V. spielen, noch nicht untersucht. Das Urteil betraf übrigens das jetzt insolvente Kolping-Bildungswerk-Sachsen, das einer Immobiliengesellschaft mindestens 700.000 Euro für Mietausfälle zu zahlen hat.
Für eine eventuelle Ausgliederung kommen drei Gesellschaftsformen in Frage. Allein zulässig ist laut DFB-Statuten die Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung auf eine GmbH, AG oder KGaA, wobei - vereinfacht ausgedrückt - der Verein durch verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten die Mehrheit innerhalb der Gesellschaft behalten muss. Auch für Alemannia ist es das Ziel, eine Einflussnahme Dritter auszuschließen, sodass eine AG schon einmal nicht in Frage kommt, sondern eher eine GmbH favorisiert wird.
Nun hat sich da ein neues Problem ergeben, das selbst der DFL nach Rückfrage bisher nicht bekannt war. Hatte die zuständige Finanzbehörde der Alemannia noch 1999 eine verbindliche Auskunft erteilt, in der ein steuerfreier Transfer von Sacheinlagen als Stammkapital als möglich bestätigt wurde - was alle Vereine bei ihrer Umwandlung in der Vergangenheit auch genutzt haben - , ist nun diese Auffassung überholt. Für Alemannia - und alle folgenden Vereine - würde nun eine Sacheinlage (Stadion, Baurecht o.a.) als Stammkapital die Aufdeckung stiller Reserven bedeuten und damit das Auslösen einer Steuerpflicht. Da eine Kapitaleinlage als Alternative für den Verein nicht finanzierbar ist, sind jetzt Wirtschaftsprüfer und Steuerberater gefragt, eine Lösung für dieses Problem zu suchen. Anfang 2006 erwartet Alemannia eine neue verbindliche Auskunft der Finanzbehörden und erst dann könne, so Carlo Soiron, eine Diskussion über eine mögliche Ausgliederung stattfinden. Der Alemannia Schatzmeister versicherte noch einmal, dass ohne die Mitglieder so oder so nichts entschieden werde.

Neuigkeiten konnte OB Dr. Jürgen Linden der Versammlung in Bezug auf Stadionneubau verkünden. Nach einer Pressekonferenz wenige Stunden zuvor eilte das Verwaltungsratsmitglied zur JHV der Alemannia, um auch die Mitglieder des Vereins zu informieren. Noch seien zwar die Unterschriften nicht erfolgt, aber eine Einigung erreicht. Die Stadt Aachen könne das Gelände des PTSV und das der beiden Kleingartenkolonien übernehmen - die Betroffenen erhalten Ersatzgrundstücke - und für einen Stadionneubau zur Verfügung stellen. Im Gegenzug wird die Stadt Aachen das Gelände des alten Stadions für eine Wohnbebauung erschließen und vermarkten. Zusätzlich sei auch der ALRV bereit, Teile seines Geländes zur Verfügung zu stellen, sodass ein Stadionneubau nun vorwiegend auf dem jetzigen Parkplatz P2 des ALRV an der Krefelder Straße entstehen könne. Des Weiteren wird die APAG ein Parkhaus mit oder ohne zusätzliche Nutzung (z.B. Hotel) an der Krefelder Straße bauen.
Noch in dieser Woche soll bei der Stadt Aachen der Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan erfolgen. Wohl aufgeschreckt durch die "Merzbrück-Pläne" der Alemannia wurden also in den letzten Wochen alle Kräfte gebündelt und Voraussetzungen geschaffen, die vor Monaten kaum vorstellbar waren. Problematisch ist aber immer noch die Frage des Emmissionsschutzes. Ein Gutachten im Auftrag der Alemannia hatte Mehrkosten ermittelt von einigen Millionen Euro beim Stadionbau wegen des Lärmschutzes (Dachkonstruktion, vollständige Überdachung etc.). Die Stadt Aachen hat nun zwei neue Gutachten in Auftrag gegeben, die sich mit der veränderten Situation bzw. Lage befassen werden und deren Ergebnisse in ungefähr drei Wochen vorliegen sollen. Sollten diese Gutachten zu anderen, sprich finanzierbaren Ergebnissen kommen, steht einem Spatenstich in ca. zwei Jahren kaum noch etwas im Wege.
aa/wp (26.10.2005)